Nur ein klitzekleiner Megapost

Wird Zeit für einen ordentlichen Plan.
Shékkel
Anspannung liegt in der Luft.
Rin nippt an ihrem Tee, Xashibel tappt mit dem Fuss auf den Boden. Tapp-tarapp-tap.
Chera gähnt ausgiebig und schlägt ihre Beine übereinander. Ich ringle mir eine Schlange um den Arm, um die Hand, um die Finger. Dann gähne ich ebenfalls.
Irgendwann seufzt Xashibel, und dann öffnet sich endlich die Tür zum Nebenzimmer. Nacheinander treten Tegros, Lacrima und Dimir heraus. Ryokinas Angstgeruch schwappt ihnen voran und füllt den ganzen Raum aus.
"Und?", will Xashibel sofort wissen.
Tegros schüttelt den Kopf. "Es ist mir ein Rätsel. Eigentlich müsste sie gesund sein. Es ist, als würde sie träumen und nicht aufwachen, das ist mir noch nie untergekommen…"
"Und jetzt?", frage ich. Ryokinas Angst schnürt mir die Kehle zu.
Wieder schüttelt der Magier nur den Kopf. "Sie ist nicht in Lebensgefahr, soweit ich das beurteilen kann. Vielleicht könnt ihr sie nach Lora bringen…"
Lacrima seufzt. "Mit den Magiern bin ich fertig. Wir können nichts tun, ausser sie mitzunehmen und vielleicht im Mondlichtküstendorf einen Heiler zu suchen."
Rin setzt ihre Tasse ab. "Dann machen wir das. Aber jetzt sollten wir darüber reden, warum wir eigentlich hier hergekommen sind."
Lacrima nickt und tritt zu dem Tisch, an dem wir alle sitzen. "Genau.", bekräftigt sie. "Tegros, wir brauchen deinen Rat. Irgendwelche uralten Geister namens Cantata Mortis versuchen…"
Weiter kommt sie nicht. "Cantata Mortis?", unterbricht Tegros die Elfe. "Die Sänger des Todes? Was ist mit ihnen?"
"Sie sind wiedererweckt worden.", erklärt Lacrima knapp, "Und jetzt…"
"Aber das ist unmöglich!", erklärt Tegros vehement. "Wir haben die Beschwörungsformel zerstört. Die Cantata Mortis können nicht erweckt worden sein…"
"Zerstört?", wiederholt Lacrima perplex. "Aber…"
"Lass mich erklären.", beginnt Tegros. "Vor einem knappen Jahr sind ich und Alucard auf eine unterirdische Tempelanlage am Mondlichtküstendorf gestossen. Sie weckte mein Interesse, denn unter den Inschriften an der Wand fanden sich einige interessante magische Formeln. Und, nun ja, nach einer Weile sind wir auf einen Raum gestossen, in dem besonders besorgniserregende Formeln verzeichnet waren…"
"Was für welche?"
"Warte…" Tegros wendet sich um, hin zu dem Regal, das die ganze Rückwand seines Wohnzimmers einnimmt. Kurz kramt er zwischen verschiedenen Rollen herum, dann zieht er einige hervor.
"Hier.", verkündet er und entrollt eines der Blätter. Es sieht ganz schmutzig aus, aber man kann darauf einige seltsame Zeichen erkennen. "Das habe ich von der Wand in diesem Raum abgepaust. Es ist eine Schlüsselformel – die Art Zauber, die Siegel löst – aber sie wurde verändert. Hier, dieses Zeichen… es ist ein Beschwörungszeichen. Das ist die Formel, mit der die Cantata Mortis aus ihrem Siegel befreit und erweckt werden.", verkündet er schliesslich. "Zumindest ein Teil davon."
Interessiert betrachtet Lacrima das Blatt. Dann wendet sie sich an Tegros. "Und ihr habt diesen Raum zerstört? Du und Alucard?"
Tegros nickt. "Ja, wir und dieser Junge… Cydhra, genau. Der war ebenfalls dabei."
"Und wer ist das?", hakt die Elfe nach.
Der Magier überlegt kurz. "Wir haben ihn im Tempel aufgelesen. Ich glaube, er war eher zufällig da, aber er wusste einiges über die Cantata Mortis, also habe ich ihn aufgefordert, das niederzuschreiben… wo hab ich denn…" Wieder kramt Tegros in seinem Regal und holt weitere Rollen hervor. Sie sind mit krakeligen Zeichen vollgeschrieben.
"Das sind die Papiere, die er beschrieben hat.", erklärt Tegros. "Da steht hauptsächlich drin, dass er auf eine geheime Organisation namens Rachiì gestossen ist, deren Ziel es ist, die Cantata Mortis aufzuwecken."
"Rachiì…" Xashibel lässt sich das Wort auf der Zunge zergehen. "Kennst du die, Lacrima?"
"Nie gehört.", antwortet diese, während sie die handgeschriebenen Rollen überfliegt. "Hier steht was: '…erhielt den Auftrag, zusammen mit dem Novizen Laku eine Gruppe Rachiì ausfindig zu machen. Angeblich planten sie einen Anschlag…' und dann weiter unten: '… In dem Lagerhaus, das der Wirt beschrieben hat, fanden wir drei Rachiì-Anhänger. Wir erkannten sie sofort an ihren weissen Mänteln mit den braun-roten Emblemen.' – Warte mal." Sie legt die Papierrolle weg und kramt in ihrer Tasche. Dann fördert sie einen Fetzen Stoff zutage. "So etwas hier?"
Sofort wallt mir ein ekliger Geruch entgegen. Der Stofffetzen stammt vom Umhang einer der Leichen, die wir im Tempel am Mondlichtküstendorf gefunden haben. Der Stoff ist schmutzig, war aber bestimmt einmal weiss, und an einem Rand sind einige braune Schnörkel eingestickt.
"Ich habe nie einen Rachiì gesehen", murmelt Tegros, "aber das passt zumindest auf die Beschreibung."
"Dann sind die Rachiì tot.", schlussfolgert Lacrima. "Zumindest die meisten."
"Ich vermute auch, dass sie die Formel nicht gefunden haben.", konstatiert Tegros. "Wir waren mehrere Tage lang in diesem Raum, haben aber keine Rachiì entdeckt – und laut Cydhra waren sie immer noch im Tempel auf der Suche. Sie können die Formel nicht haben."
"Was ist mit deinen Aufzeichnungen?", will Xashibel wissen. "Hast du sie jemandem gezeigt?"
"Niemandem ausser euch.", erklärt Tegros. "Oh, und Alucard – er hat mir geholfen, sie anzufertigen. Aber er wird es nicht gewesen sein."
Rin nickt. "Aber die Cantata Mortis wurden erweckt, also muss jemand die Formel gekannt haben.", überlegt sie.
"Aber wer denn, wenn nicht die Rachiì?", will ich wissen.
Lacrima zuckt mit den Schultern. "Dieser Cydhra vielleicht.", mutmasst sie. "Er war in dem Raum, er wusste wahrscheinlich, worum es sich handelt, er wusste über die Cantata Mortis bescheid – vielleicht war er ein Spion der Rachiì? Oder handelte aus eigenem Interesse?"
Tegros nickt. "Er erschien mir wie ein ehrlicher Junge, aber ja, könnte sein… obwohl er behauptete, ein Elementkrieger zu sein. Element Psyche."
Lacrima hebt skeptisch eine Augenbraue. "Hat er das nur behauptet oder auch demonstriert?"
Tegros zuckt mit den Schultern. "Demonstriert hat er nichts, glaube ich…"
Lacrima seufzt nur. "Na gut, erster Verdächtiger: ein Junge namens Cydhra. Dann sind da natürlich die Rachiì selbst – es kann immer noch sein, dass sie die Formel schon gekannt haben. Wer noch?"
"Hat Hoffmann Rozengard nicht einmal etwas mit Sanctorions Leiche erzählt?", wirft Xashibel ein.
"Natürlich!", ruft Tegros aus. "Sanctorions Lebenskraft steckte in dem Siegel, das die Cantata Mortis verschlossen hielt. Für die Beschwörung wäre seine Leiche nötig gewesen."
"Igitt.", mache ich.
Tegros erzählt unbeirrt weiter: "Ich und Alucard hatten vor, die Leiche Sanctorions zu vernichten, nachdem wir den Tempel verlassen hatten. Wir konnten sie aber nicht mehr finden, also haben wir angenommen, dass sie der Explosion damals zum Opfer gefallen ist."
"Ist sie nicht.", meint Lacrima. "Die Explosion war in der Haupthalle, Sanctorions Leiche lag auf dem Dach des Bergfrieds. Der ist zwar eingestürzt, aber die Leiche müsste am Stück geblieben sein."
"Trotzdem war sie weg.", beharrt Tegros.
"Das heisst also", schlussfolgert Chera, "dass die Cantata Mortis schon frei waren, als ihr dort wart."
"Oder dass jemand die Leiche fortgeschafft hat, um die Cantata Mortis woanders zu beschwören.", überlegt Rin.
"So kommen wir keinen Schritt weiter.", seufzt Lacrima.
Xashibel räuspert sich. "Na ja, wir haben jetzt immerhin ein paar Namen. Cydhra. Rachiì. Ist das denn nichts wert?"
Lacrima seufzt erneut. "Was weißt du noch über die Formel?", wendet sie sich dann an Tegros. "Irgendetwas, wie man die Cantata Mortis aufhalten kann?"
Der Magier wühlt in seinen Blättern. "Also, ich habe eine genaue Beschreibung des Entsiegelungsritual und die Übersetzung der Beschwörung… ach, ja: Die Beschwörung ist eigentlich recht simpel, aber sie erfordert Unmengen an Energie. Das heisst, dass nicht jeder x-beliebige Magier sie durchführen könnte, so talentiert er auch sein mag."
"Na, das ist doch was.", bestimmt Chera. "Wie viel Energie?"
"Hmmm…" Wenn Tegros die Stirn runzelt, sieht er gleich hundertmal älter aus. "Mehr, als ich aufbringen könnte. Mehr, als irgendein Magier aus dem Konzil aufbringen könnte, um genau zu sein. Aber wir sind nur Menschen. Elementkrieger verfügen über mehr Energie… das könnte vielleicht reichen, aber eher knapp. Vielleicht auch nicht. Ich weiss es nicht genau."
"Damit wird dieser Cydhra zur heissen Spur.", konstatiert Chera.
"Vorausgesetzt, er ist wirklich ein Elementkrieger.", ergänzt Rin.
Lacrima überlegt kurz. "Ich nehme an, Energie allein reicht nicht? Man braucht auch das entsprechende Wissen, oder?"
Tegros nickt. "Man muss die Formelzeichen in Laute übersetzen. Ich hatte einige Mühe damit, diese Art Runenschrift ist alt. An die zweitausend Jahre."
"Zweitausend?", wiederholt Rin ungläubig. "Aber die Cantata entstanden doch erst vor eintausend Jahren, und versiegelt wurden sie viel später."
"Jaa, das ist es eben.", bekräftigt Tegros. "Die Rozengards haben das Siegel erschaffen, vor etwa siebenhundert Jahren, aber der Zauber, den sie verwendet haben, ist viel älter. Diese Art Magie wurde von den Priestern des unterirdischen Tempels praktiziert, und von denen stammt wahrscheinlich die Aufzeichnung." Mit einer fahrigen Geste weist der Magier auf seine abgepausten Blätter. "Allerdings sind die Inschriften nicht im Ansatz so alt wie die Schrift und die Sprache. Zwischen sechshundert und tausend Jahren, soweit ich das beurteilen kann."
Lacrima nickt. "Das passt. Zu der Zeit wurden die Sänger versiegelt."
"Die Sänger werden sogar explizit erwähnt.", ergänzt Tegros und deutet auf eine der Runen."Die hier. Eine Mischung aus 'Sänger' und 'Tod'."
Fasziniert betrachte ich den Schnörkel. Das Zeichen sieht aus wie eine Spirale mit einer Ecke. Viel zu elegant für die Cantata Mortis, finde ich.
"Wo sind diese Priester jetzt?", will Xashibel auf einmal wissen.
"Wer weiss.", meint Tegros schulterzuckend. "Im Tempel habe ich keine angetroffen. Vielleicht sind sie alle gestorben, oder die Rachiì haben sie beseitigt, oder sie haben den Tempel schon lange verlassen… jedenfalls müssen zur Zeit der Versiegelung welche da gewesen sein, denn immerhin haben sie den Zauber entwickelt. Ich habe sogar Abschriften des Spruches, mit dem die Cantata Mortis damals gebannt wurden. Ein Meisterwerk der Magie." Damit entrollt er ein neues Blatt und betrachtet es mit grossen Augen.
"Zeig mal!", rufe ich und spähe ihm über die Schulter. Dieses Blatt ist nicht abgepaust. Es ist abgezeichnet. Mit fein säuberlichen Linien hat jemand Siegel auf das Blatt gemalt, ein grosses und drei kleine, und am äusseren Rand sind wieder diese Runen zu sehen. Links kann ich wieder die Cantata-Mortis-Rune entdecken.
Lacrima betrachtet das Blatt ebenfalls. "Könnten wir das erneut verwenden?", will sie dann wissen.
Tegros zuckt mit den Schultern. "Theoretisch… allerdings ist das Siegel anfällig für Energieverlust, wie wir ja gesehen haben… es ist vielleicht nicht die beste Idee."
"Wir drehen uns im Kreis.", stellt Xashibel fest. "Was wissen wir jetzt? Dieser Cydhra könnte die Schlüsselformel kennen, oder die Rachiì, oder die Nachfahren dieser Erdpriester, wenn sie denn noch leben. Weiss man denn, wer die sind?"
Alle blicken Tegros an, doch der schüttelt nur den Kopf. "In dem Tempel habe ich einiges über die Priester herausgefunden, es gibt sogar Stammbäume, aber die hören irgendwo einfach auf… nach… wartet." Erneut holt Tegros ein paar Rollen aus dem Regal. "Das hier sind Abschriften. Unter den Priestern gab es im Prinzip zwei grosse Familien, die Delkhii und die Zemya. Erstere hatten wohl eine Erdaffinität, die sich in der Familie vererbt hat, und letztere hatten ein starkes magisches Potential."
"Erdaffinität ist erblich?" Plötzlich ist Lacrimas Interesse geweckt. "Das heisst, Kajo könnte ein Delkhii gewesen sein?"
"Oder Rispah.", ergänze ich.
"Theoretisch…", meint Tegros nur und zuckt mit den Schultern. "Aber du weißt ja am besten, wie das ist. Es könnte eine andere Art von Erdaffinität gewesen sein. Jedenfalls waren es nicht die Delhkii, sondern die Zemya, die diese Siegel entwickelt haben. Zu der Zeit der Cantata Mortis waren sie die grössere Familie, wie du hier sehen kannst." Mit seinem Finger kreist Tegros einen Abschnitt des Stammbaums ein. "Diese Generation hat den Zauber erschaffen. Namentlich waren das Teren Zemya, Laren Zemya und Noa Zemya."
"Das ist nur zwei Generationen, bevor der Stammbaum aufhört.", merkt Xashibel an.
"Stimmt.", bestätigt Lacrima. "Und es sieht nicht aus, als wären die Familien ausgestorben. Entweder ist eine Katastrophe passiert… oder sie haben den Tempel verlassen."
"Dann gibt es bestimmt noch Nachfahren.", überlegt Xashibel weiter.
"Von denen viele ein magisches Potential haben.", ergänzt Rin.
"Möglicherweise genug, um das Siegel zu öffnen.", endet Lacrima.
A cloud of mystical dust appears, shrouding Alinea in its magic. You roll a four. The cloud dissipates and Alinea is gone.